Reisebericht 2014

Besuch in Botosani vom 11. 09. bis zum 14.09. 2014

Am  11. September machten sich zwei Mitglieder unseres Vereins, Regina Frie und ich, auf den Weg nach Rumänien.

Über Wien flogen wir nach Iaschi, einer Universitätsstadt nahe der moldawischen Grenze, von wo uns zwei Teammitglieder unseres Partnervereins herzlich in Empfang nahmen und mit uns zwei Stunden durch Nordostrumänien nach Botosani fuhren.

Durch eine landwirtschaftlich geprägte, etwas hügelige Landschaft,  vorbei an kleinen Straßendörfchen mit einfachen Bauernkaten, vor deren Tür hier und da eine einzelne Kuh oder ein Pferd angebunden graste. Vorbei an Frauen mit Kopftüchern und in Kittelschürzen, Pferdegespannen und ab und an auch einem einsamen Straßenhund. Botosani wirkte dagegen mit seinen knapp 120.000 Einwohnern zumindest im Zentrum sehr städtisch.

An den Stadträndern Botosanis hingegen sind einige Häuser noch immer nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen und Pferdegespanne gehören zum Alltag.

Erwartet wurden wir in Botosani vom gesamten Team unseres Partnervereins Ador. Seit unserem ersten Besuch im Juli 2013 war nun mehr als ein Jahr vergangen, doch in der Zwischenzeit hatten wir mehrmals wöchentlich via Internet Kontakt, um uns über die Situation vor Ort in Botosani auszutauschen.

Schnell stellte sich daher auch das Gefühl ein, vertraute Menschen wiederzusehen:
Dana, die erste Vorsitzende und Begründerin von Ador, und ihren Ehemann Cornel, der sich ebenfalls mit Leib und Seele dem Tierschutz widmet. Elena und Cristina, die mehrmals wöchentlich in das öffentliche Tierheim von Botosani fahren und dort die Hunde so gut wie möglich versorgen. Mia, Michaela, Genoveva und Anca, die neben ihrer Berufstätigkeit Dana abwechselnd bei ihren mehrstündigen täglichen Versorgungsrunden aller in Adors Obhut befindlichen Hunde unterstützen.

Vor unserem Hotel im Zentrum von Botosani lief uns allen dann auch gleich der erste Straßenhund vor die Füße. Er begleitete uns den ganzen Abend über und schließlich baten wir Dana, die Vorsitzende von Ador, ihn mit zu sich zu nehmen, damit er nicht Hundefängern in die Hände fallen konnte. Natürlich nahm Dana den kleinen Kerl mit in ihre Wohnung, in der wir sie noch am gleichen Abend besuchten, um einige Pflegehunde von ihr kennenzulernen.

Die nächsten beiden Tage waren geprägt von dem Besuch vieler Pflegestellen sowie des alten und neuen, noch im Bau befindlichen Tierheims von Ador.

Bevor wir uns jedoch am nächsten Morgen auf den Weg machten, um einen Teil der Hunde, die sich  in der Obhut unseres Partnervereins befinden, kennenzulernen, stand vorab noch ein anderer Termin an. Ein Treffen mit dem Vizebürgermeister Botosanis, Herrn Turcanu, der u.a. auch für das öffentliche Tierheim in Botosani zuständig ist.

Um es kurz zu machen: Hr. Turcanu ist der Meinung, dass es in Botosani keine Hunde mehr auf der Straße geben solle, dass alle in das öffentliche Tierheim verbracht werden und 20% von ihnen getötet werden sollten. Wobei er vor allem alte und kranke Hunde für eine Tötung vorsieht. Hr. Turcanu befürwortet Adoptionen der im öffentlichen Tierheim gefangenen Hunde, bedankte sich gar dafür, dass von ausländischen Organisationen, u.a. auch von der Pfotenhilfe, viele Hunde vermittelt werden konnten. Damit habe er nicht gerechnet.

Auf die Frage, ob er Hunde möge, wich Hr. Turcanu aus. Letztlich wird deutlich, dass er Hunde nicht mag, selbst keine Hunde hat und die Begeisterung z.B. von Deutschen, einen Hund als Haustier zu halten, auf deren ökonomisch gute und privilegierte Situation zurückführt. Wir haben Herrn Turcanu versprochen oder vielleicht besser gesagt angekündigt, ihn regelmäßig über Adoptionen gerade älterer und alter Hunde zu informieren, die für ihn leider auf der Liste der Todeskandidaten ganz oben stehen.

Nach dem Gespräch mit dem Vizebürgermeister der Stadt Botosani machten wir uns gemeinsam mit Dana und Mia auf den Weg zu den vielen Hunden in der Obhut unseres Partnervereins. Unser erster Besuch galt den Hunden, die auf dem Firmengelände von Cornel in eigens dafür gebauten Gehegen untergebracht sind. Cornel betreibt eine kleine Baufirma, doch den größten Platz beanspruchen auf seinem Gelände nicht Maschinen, sondern Straßenhunde. Vor allem Welpen und ältere Hunde finden hier Unterschlupf; in einer der Werkshallen wohnen besonders kleine und schutzbedürftige Welpen, da es zu gefährlich wäre, sie in einem großen Rudel unbeaufsichtigt laufen zu lassen. Nachdem hier alle Hunde versorgt sind und wir noch einmal geübt haben, 10 Futterschüsseln gleichzeitig (!) vor mindestens doppelt so viele hungrige Mäuler zu stellen, fuhren wir weiter zu Danas Garten. Gemeint ist damit ein Grundstück am Rande Botosanis, auf dem Dana in großzügig abgetrennten Gehegen Hunde aufgenommen hat, die von ihr oder anderen Tierschützern auf der Straße gefunden wurden. Da viele Anwohner Dana und den Tierschutzverein Ador kennen, werden wiederholt auch Hunde über den Zaun auf das Grundstück geworfen oder aber vor dem Tor abgelegt.  In Danas Garten leben neben vielen erwachsenen Hunden und einigen Welpen auch Katzen in einem kleinen Katzengehege, das leider permanent völlig überfüllt ist, da in Rumänien leider nicht nur ein Hundeleben wenig zählt. Auch Katzen werden weggeschmissen, mißhandelt, angefahren.

Bis zu diesem Zeitpunkt haben Dana und Mia bereits an die 150 Hunde und 30 Katzen versorgt, d.h. gefüttert, die Näpfe mit frischem Trinkwasser gefüllt und Gehege gesäubert. Es warten an diesem Tag noch weitere 150 Hunde auf uns, doch das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 

Auch das gehört zum Straßenbild in Botosani: ein überfahrener Hund mitten auf der Fahrbahn, den Dana vorsichtig an den Seitenstreifen legt.

Nach wenigen Kilometern hielten wir an einer öffentlichen Wasserstelle am Wegesrand, wo Dana erst einmal 10 große Wasserkanister füllte, da es im sog. alten Tierheim von Ador, das wir später besuchen sollten, kein Wasser gibt und deshalb täglich Wasserkanister zu den Hunden in diesem Tierheim  gefahren werden müssen.

Eine holprige, staubige Straße führt dorthin, vorbei an verlassenen Kettenhunden, die ebenfalls von Dana gefüttert werden. Zwei Hunde sind auf dem freien Feld angekettet, weit und breit gibt es nichts zu bewachen. Ihr Besitzer hat längst aufgehört, sie zu füttern. Durstig stürzen sich beide zuerst auf das mitgebrachte Wasser, es ist mit 25 Grad ein warmer Tag und beide Hunde besitzen keine Hundehütte. Natürlich versuchte Dana mit dem Besitzer zu sprechen, bat doch zumindest um einen kleinen Unterstand; neben einem der beiden Hunde, einem jungen, verschmusten, groß gewachsenen, vielleicht sieben Monate alten Hund stellte sein Besitzer daraufhin eine ausgediente Waschmaschine, wohl wissend, dass durch die kleine runde Öffnung früher einmal einzelne Wäschestücke gepasst haben, nun aber nicht einmal der Kopf des daneben angeketten Hundes hindurchpasst. Angekettet ist der Hund, den wir Benno nannten,  an der Rückwand eines verfallenen Schuppens, in dem er ebenfalls keinen Unterschlupf finden kann.

Einer der bleibenden Eindrücke dieser Reise: Auf einem freien Feld sitzt ein verschmuster, lieber, sieben Monate alter, großer Hund neben einer alten Waschmaschine, die ihn nicht ein bisschen vor der Sonne, dem Regen und im Winter vor den Schneemassen schützen wird.

Benno ist glücklich vermittelt :-)

Bevor wir zum alten Tierheim von Ador kamen, machten wir Halt beim sog. neuen Tierheim unserers Partnertierschutzvereins, das in unmittelbarer Nähe des alten Tierheims liegt. Noch ist hier nur eine solide und hohe Einzäunung und ein Gebäudetrakt im Rohbau zu sehen. Hier soll einmal ein großzügiges Tierheim mit Krankenstation, Quarantäneräumen, beheizten Zwingeranlagen und großen Freiflächen entstehen, in dem Hunde trotz ihres Eingesperrtseins Raum für das Spielen und Rennen im Rudel bleibt.

Als wir durch das große Eingangstor zum neuen Tierheim gingen, wurden wir von unzähligen Hunden begrüßt, allen voran wuselten etwa 25 Welpen um unsere Beine und warteten darauf, gefüttert und  gestreichelt zu werden. Sie und die etwa 100 erwachsenen Hunde, die in diesem noch unfertigen Tierheim frei oder in provisorisch hergerichteten Gehegen leben, mussten in der nächsten Stunde versorgt werden. Während Dana, Michaela, Mia und Cornel diese Arbeit verrichteten, versuchten wir einzene Hunde zu fotografieren und näher kennenzulernen. Natürlich mussten wir auch hier auswählen, warteten doch noch so viele andere Hunde im alten Tierheim aber auch auf Pflegestellen darauf, eine Chance zu bekommen. Die Welpen lagen uns dabei besonders am Herzen. Wie schnell wachsen sie zu Junghunden heran, die nichts außer dem Tierheimalltag kennenlernen und dann kaum mehr eine Vermittlungschance haben. Im Vergleich zu unserem ersten Besuch in Botosani im Jahr 2013 war die regelrechte "Welpenflut" und die Anzahl der aufgenommenen Welpen beeindruckend. Da wie vielerorts in Rumänien auch in Botosani im Sommer 2013 alle Kastrationsaktionen beendet wurden und stattdessen eine Politik des Einfangens und Wegsperrens von Straßenhunden Einzug gehalten hat, wird sich an dieser Entwicklung sehr wahrscheinlich leider in nächster Zeit auch nichts ändern.

Previous Next

Nachdem wir das neue Tierheim verlassen haben, steuern wir den letzten Punkt dieses Tages in Botosani an. Das alte Tierheim, das sog. Victoria Shelter. Wobei der Begriff Tierheim eigentlich zu prächtig wirkt. Es ist ein großes Gehege mitten auf dem Land,  in dem einzene Hundehütten stehen.


Auch hier heißt es Hunde füttern, Gehege säubern und die Hunde mit den in Kanistern herangeschleppten Wasser versorgen. Vor dem Gehege liefen kleine Welpen, die einen Tag zuvor ausgesetzt wurden.  

An diesem Tag sind wir mit Dana und einzelnen Teammitgliedern genau jene Route gefahren, die unsere rumänischen Tierschutzkollegen jeden Tag, sommers wie winters, bewältigen. Im Winter kann Dana das alte Tierheim nur mit einem Pferdeschlitten erreichen, der Feldweg ist dann vollkommen zugeschneit, ebenso natürlich das Gehege, in dem etwa 40 Hunde in Eis und Schnee ausharren. Jeden Tag werden ca. 350 Hunde versorgt, wobei wir die ausgesetzten Hunde im Wald, die Hunde an Futterstellen, die Kettenhunde noch nicht mitgezählt haben. Auch diese Hunde werden von Dana täglich versorgt.

Am nächsten Tag besuchten wir Mia und Genoveva, zwei Mitglieder von Ador, die immer wieder Hunde in Pflege nehmen, die zu klein, zu krank oder zu schwach sind, um in das neue Tierheim aufgenommen werden zu können.  Mia zeigt uns einen kleinen Welpen, den sie zwei Tage zuvor völlig abgemagert und dehydriert im Wald gefunden hat. Ein kleines Hundekind wurde von Menschen mitten im Wald augesetzt und seinem Schicksal überlassen.

 

 

 

Mia gibt uns beim Abschied einen Rat mit auf den Weg: "Geht nicht zu den Müllcontainern". In Botosani wird der Haushaltsmüll nicht in Mülltonnen an die Straße gestellt, sondern die Anwohner bringen diesen zu zentralen Müllcontainern. Hier, so erzählen die Tierschüzer, finden sie regelmäßig Hunde- und Katzenbabies.
Wie z.B. die kleine Isa (auf dem Foto links).

 

 

 

Noch bei Mia erreichte Dana  der Anruf von Genoveva, einer Teamkollegin von Ador, die einen älteren Pekinesen angefahren auf der Straße gefunden hat. Ihn besuchen wir am Nachmttag noch in der Tierklinik, bevor wir uns auf den Weg zu Florea machen.

 

 


Florea ist eine ältere Frau, die sich vor einem Jahr hilfesuchend an unseren Partnerverein Ador gewandt hat, da sie am Ortsrand von Botosani mittellos und ohne Stromversorgung lebt und ihre Hunde nicht länger versorgen konnte. Seitdem versucht unser Partnerverein wann immer es geht, Florea mit Futter zu unterstützen. Impfungen oder aber auch Kastrationen der etwa 50 bei Florea lebenden Hunde übersteigen jedoch die Mittel unseres Partnervereins, der ohne staatliche Hilfe nur durch Spenden überleben muss und selbst permanent um sein Überleben kämpft.

Auch bei Florea lernten wir viele wundervolle, verträgliche und menschenbezogene Hunde kennen. So wie bei  Mia, Genoveva, im alten und im neuen Tierheim von Ador. Unzählige kleine und große Fellnasen, die sich an uns schmiegten, um Streicheleinheiten baten und letztlich nur einen Wunsch haben: ein eigenes Zuhause mit Menschen, die es gut mit ihnen meinen.


Am letzten Tag unseres Aufenthaltes in Botosani, kurz vor unserer Abfahrt, begleiteten wir Dana ein letztes Mal bei ihrer täglichen Tierschutzarbeit.

Wir fuhren durch ein Industriegebiet und Dana erzählte uns, dass sie vor vier Wochen einen Anruf von einem der Geschäftsinhaber des Viertels erhalten habe, dessen Nachbar seine Firma aufgegeben habe und weggezogen sei. Zurückgelassen habe er jedoch in einem Zwinger eine Hündin, die seitdem niemand mehr versorge. Seitdem fährt jeden Tag ein Teammitglied von Ador dorthin, am Wochenende in der Regel Dana, und dieses Mal sind wir dabei.

Wir hielten auf einem verlassenen Firmengelände und sahen in einer Ecke einen selbstgebauten Zwinger, der eher an einen Verschlag erinnerte. Hier lebt seit Welpenalter eine weiße Hirtenhündin, die in Folge einer unbehandelten Erkrankung inzwischen völlig oder fast völlig erblindet ist. Biggi, so wird die Hündin genannt, ist heute drei Jahre alt. Bis vor vier Wochen, als Ador von ihrer Existenz erfuhr,  hat Biggi ihren Verschlag vermutlich nie verlassen dürfen.

Irgendwann im Laufe der letzten drei Jahre verlor Biggi ihr Augenlicht und ihre Tage wurden noch einsamer. Nun wird sie jeden Tag gefüttert und einige Minuten von einem Tierschützer auf dem Gelände ausgeführt.

Eine große, blinde Hündin in einem kleinen Zwinger, etwa einen Meter breit und vier Meter lang,  24 Stunden am Tag eingesperrt. Seit drei Jahren. Mit einer so großen Dankbarkeit und Freude darüber, für einige Minuten am Tag der Einsamkeit zu entkommen. 

Biggi, eine sanfte, liebe Hündin, die voller Freude an der Leine geht und immer wieder die Nähe zu uns Menschen suchte. Die sich ohne Murren wieder in ihren Verschlag zurückführen ließ und weiter wartet, 24 Stunden am Tag, blind und sich selbst überlassen.  

Jetzt und die nächsten Jahre.  Auch das ist Rumänien.

Biggi hat Ihre eigene Familie in Deutschland gefunden :-)

 

Seit unserer Reise haben sich die Bedingungen für die Hunde in Botosani weiter verschlechtert. Wir wissen jedoch, dass sich das Team unseres Partnertierschutzvereins Ador nach Kräften bemühen tun wird, die Lebenssituation der herrenlose Hunde und Katzen zu verbessern. Für die im öffentlichen Tierheim von Botosani eingesperrten Hunde wird dies besonders schwierig sein, da hier machtpolitische und finanzielle Interessen der Verantwortlichen tierschützerisches Engagement offen verhindern und boykottieren. Doch auch für die Hunde und Katzen, die sich bereits in der Obhut unsers Partnervereins befinden, geht der Kampf ums Überleben weiter.

Der Winter steht auch in Rumänien vor der Tür und mit ihm Eis und Schnee. Viele Hunde, die wir kennengelernt haben, werden diesen Winter nicht überleben. Andere werden es schaffen und die ganz glücklichen werden diesen Winter bei ihren eigenen Familien in Sicherheit sein. Benno wird im hohen Schnee neben der ausrangierten Waschmaschine sitzen und Biggi in ihrem Verschlag den Schnee zwar nicht sehen, aber spüren können. Beide werden ein Mal pro Tag für wenige Minuten die Trostlosigkeit und Einsamkeit vergessen können, für die unzähligen namenlosen Hunde, die niemand kennt, wird es nicht einmal diese Abwechslung geben.

Nächstes Jahr werden wir wieder nach Rumänien fahren.
Werden wieder erschlagen sein von dem Leid so vieler Straßenhunde und -katzen.
Werden wieder beeindruckt sein von dem großen Engagement und der Tierliebe unseres Partnervereins Ador.
Werden natürlich wieder nicht allen Hunden, die wir treffen, helfen können.
Aber für einige von ihnen wird es ein besseres Leben geben.
Und dafür lohnt sich jeder Weg.        

 

Andrea Brückner-Schoeler

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